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Klaus Regling ZDF interview (German version)

ESM

Interview mit Klaus Regling, ESM Geschäftsführender Direktor  
ZDFheute
Erscheinungstag: 5. Oktober 2022
Interviewer: Florian Neuhann
Originalsprache: Deutsch

 

ZDFheute: Herr Regling, wenn wir in der aktuellen Krise zurückblicken auf die Eurokrise, erscheint die damalige Krise ja vergleichsweise harmlos, oder?

Klaus Regling: Das mag im Rückblick so aussehen, weil wir die Eurokrise ja auch gemeistert haben. Und alles, was man in den Griff bekommt, wirkt nicht mehr so dramatisch. Aber es war dramatisch in der Zeit. Und wenn es schiefgegangen wäre, würde Europa heute anders aussehen. Die Währungsunion wäre viel verwundbarer – und politisch würde Europa viel schwächer dastehen.

Und wenn Sie es mit der Krise von heute vergleichen: Für wie dramatisch halten Sie die Lage jetzt?

Wir gehen in eine Wirtschaftskrise, das ist ganz klar. Das ist eine massive Krise, die natürlich darauf zurückzuführen ist, dass die Kaufkraft der Bürger durch die hohe Inflation sinkt. Und es wird mehr Insolvenzen geben als in der Vergangenheit. Insofern ist es eine Wirtschaftskrise für den gesamten Euroraum – aber das ist eben etwas anderes als die Eurokrise, in der einige wenige Länder massiv betroffen waren.

Ihr Rettungsschirm ESM hat in Ihrer Zeit Hilfsprogramme aufgelegt für fünf Länder: Spanien, Portugal, Irland, Zypern und Griechenland. Hat der Steuerzahler mit diesen Hilfen Geld verloren?

Der Steuerzahler hat bisher überhaupt kein Geld verloren. Der ESM wurde gerade so konzipiert, dass wir einigen helfen können, ohne die Steuerzahler zu belasten. Es ist richtig, dass Risiken übernommen wurden, es wurde Eigenkapital gegeben an den ESM. Ohne diese hätten wir aber nicht die Möglichkeit gehabt, zu sehr niedrigen Zinsen große Summen am Markt aufzunehmen.
Diese günstigen Zinsen haben wir direkt an die Kreditnehmer weitergeleitet. Dadurch haben diese fünf Länder sehr viel Zinsen gespart – nach unserer Schätzung 130 Milliarden Euro.

Wann wird die letzte Rate an Hilfskrediten zurückgezahlt?

Vier der fünf Länder haben Laufzeiten bei den Krediten zwischen 15 und 20 Jahren - das ist also absehbar, da haben die Rückzahlungen schon begonnen. Bei Griechenland ist das anders, weil dort die Problematik besonders groß war und auch die meisten Kredite notwendig waren. Dort ist die letzte Rückzahlung erst im Jahre 2070. Das erscheint manchen vielleicht zu lang - aber dann erinnere ich gerne daran, dass das Londoner Schuldenabkommen von 1953 Deutschland auch eine Verlängerung von Laufzeiten erlaubt hat. Und die letzte Zahlung erfolgte im Jahre 2010, also fast 60 Jahre später, ohne dass es jemand gemerkt hat.

Nun haben ja zwei EU-Kommissare einen neuen, aus gemeinsamen Schulden finanzierten Fonds für diese Krise vorgeschlagen. Halten Sie das für sinnvoll?

Das kann sinnvoll sein – je nachdem wie sich die Wirtschaftslage entwickelt. Aber im Moment ist die Diskussion darüber sehr kontrovers, und auch rechtlich ist so ein Instrument nur in extremen Situationen möglich.

Manche Ökonomen fürchten, dass aus dieser Krise bald wieder eine Eurokrise wird. Halten Sie das für ausgeschlossen?

Regling: Für die nächsten Jahre würde ich das ausschließen, ja. Aus zwei Gründen: Einmal haben wir nicht diese Probleme in einzelnen Staaten wie vor 2012. Zweitens haben alle Euroländer – obwohl sie heute höhere Schulden haben – trotzdem eine geringere Zinsbelastung.

Am Freitag hören Sie hier auf, mit welchem Gefühl gehen Sie?

Mit gemischten Gefühlen – nach zwölf Jahren, in denen ich diese Institution aufgebaut habe. Ich habe hier sehr gute Kollegen, die ich ungern verlasse. Andererseits ist nach zwölf Jahren Zeit, etwas Neues zu tun. Und ich bin ja auch etwas jenseits des Pensionsalters. Deshalb werde ich weniger arbeiten und wieder nach Deutschland zurückziehen, darauf freue ich mich.
 

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