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Klaus Regling im Spiegel Online Interview

14/08/2018
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Interview mit Klaus Regling, ESM Managing Director
Veröffentlicht in Spiegel Online am 14. August 2018
Interviewer: David Böcking
 
 
Spiegel Online: Was war die Ursache der Krise in Griechenland?
 
Klaus Regling: Nach dem Euro-Beitritt stiegen Löhne und Gehälter viel schneller als die Produktivität. So verlor Griechenlands Wirtschaft an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber anderen Euro-Ländern. Hinzu kam eine schwache öffentliche Verwaltung mit schleppender Gesetzesumsetzung, langsamen Gerichten und unterentwickeltem Katasterwesen. Als 2009 auch noch herauskam, dass Athen Defizitzahlen geschönt hatte, entzogen die Investoren dem Land abrupt das Vertrauen. Griechenland verlor den Marktzugang und musste um Rettungsdarlehen bitten. 
 
Hat die Politik richtig auf die Krise reagiert?
 
Es wäre arrogant zu sagen, wir hätten in Griechenland alles richtig gemacht. Für diese schlimmste Krise seit der Großen Depression gab es kein Drehbuch. Die Beteiligung des Privatsektors etwa, bei der private Halter griechischer Staatsanleihen 2012 auf über € 100 Milliarden verzichten mussten, wäre besser früher gekommen. Aber grundsätzlich haben wir richtig gehandelt: Nach dem Vorbild des IWF haben die Euroländer Rettungsdarlehen gewährt, die an harte Reformauflagen geknüpft waren. Gehen die Reformen weiter, ist Griechenland auf gutem Weg. Die anderen Programmstaaten Portugal, Irland, Spanien und Zypern sind schon Erfolgsgeschichten. Die Reformen in Griechenland und anderswo, die bessere wirtschaftspolitische Koordinierung in Europa, die Schaffung der Bankenunion und des ESM, all das hat die Währungsunion krisenfester gemacht. 

Ist die Krise jetzt vorbei?
 
Die Krise im Euroraum insgesamt ist schon lange vorbei. Das Ende des ESM-Programms für Griechenland am 20. August ist der Epilog. Aber Athen wird eng mit dem ESM verbunden bleiben. Mit € 204 Milliarden an Rettungsdarlehen sind wir der größte Gläubiger. Wegen unserer langen Laufzeiten und niedrigen Zinsen spart Griechenland jedes Jahr rund 12 Milliarden Euro an Schuldendienst in seinem Haushalt. Hinzu kommen unsere Schuldenerleichterungen, ohne Schuldenschnitt und Kosten für andere Steuerzahler. Aus diesen Gründen wird Griechenland nach dem Programmende unter strengerer Aufsicht des ESM und der anderen Institutionen stehen als andere Programmstaaten. 
 
Was haben Sie persönlich aus der Krise gelernt?
 
Ich habe enormen Respekt für die Griechen gewonnen, die schmerzhafte Anpassungen hinnehmen mussten. So mussten Löhne, Gehälter und Renten um bis zu 30 Prozent gekürzt werden. Auch die Zahl der Beschäftigten im öffentlichen Dienst musste deutlich gesenkt werden. Ich wünsche mir, dass diese Anpassungsleistung in Deutschland mehr gewürdigt wird. Diese Einschnitte waren unumgänglich, um solide Staatsfinanzen und Wettbewerbsfähigkeit wieder herzustellen. Die Griechen haben sie akzeptiert, weil sie im Euroraum bleiben wollen.
 
 
 

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